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Theoretische Grundlagen unserer Methode

Wozu Formate?
Formate verwandeln das Überangebot der Massenmedien in lesbare Vertrautheiten.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht in der Entwicklung experimenteller Formate.

Das Experimentieren mit Formaten ermöglicht den Übergang zur Praxis. Experimentelle Formate sind keiner Phänoästhetik verpflichtet, sondern basieren auf operativen Regeln, die benutzt und weiterentwickelt werden können.

Alle experimentellen Formate | Was sind Formate?

Einzelne experimentelle Formate bestehen aus einem Spielregelkanon.

Es ist nicht mehr die artistische Vision eines bestimmen Produkts, die zwischen Theorie und künstlerischem Tun steht, sondern aus unseren medien-, kommunikations- und gesellschaftstheoretischen Überlegungen entstehen abstrakte Vorstellungen eines Formats, die eher auf eine bestimmte soziale und kommunikative Qualität als auf ein bestimmtes Produkt abzielen. Die angestrebte Qualität des Formats soll durch die Antizipation einer bestimmten kommunikativen und sozialen Veränderung, die dann einsetzen könnte, wenn sich das Format gesellschaftlich durchsetzte, verwirklicht werden. Hierfür ist nicht die konkrete Vision einer anderen Welt nötig, sondern vielmehr die Bestimmung einer Tendenz (eher so als so).

Diese abstrakte Vorstellung konkretisiert sich in einem Regelkanon, der an die konkreten Bedürfnisse und Aufgaben angepasst wird. In der Anwendung der Regeln entstehen Produktionsformate.

Das Vermeiden der konkreten Vision und Phänoästhetik hat viele Vorteile. Das durch Formatexperimente entstandene Material ist nicht mehr nur Zwischenprodukt, also etwas, das noch nicht so ist, wie es sein sollte, sondern dialogischer Partner, der uns immer wieder auf die eigene Blindheit hinweist.

Auf diese Weise dringt die Unplanbarkeit der Welt in die im anderen Fall geschlossene künstlerische Form. Die Offenheit für das, was man eigentlich nicht im Kopf hatte, basiert auf einer äußerst strengen Regulierung auf der Ebene der Operation. Die Vermeidung der Intention bezieht sich nur auf konkrete phänomenologische Vorstellungen, nicht aber auf das Musikalisch-Algorithmische. Auch rhetorische und narrative Stränge können in dieser Weise behandelt werden.



Wozu Spielregeln?
Die Regelung und Formung eines Projekts und seiner Resultate durch Spielregeln und Algorithmen hat drei strategische Implikationen. Erstens wird auf diese Weise vermieden, die zurzeit üblichen Formen geschmacklich zu kopieren, dadurch können neue Variation entstehen, zweitens könnte diese Metaregulierung auch ein Modell der Metaregulierung von Gruppen oder anderen sozialen Bereichen darstellen und drittens kann mit den Spielregeln nicht nur das Resultat, sondern auch die kommunikative Struktur des Projekts geregelt werden.

Durch die Vermeidung der konkreten Vision, erscheinen die Vorstellungen anderer nicht mehr als Störung. Auf diese Weise löst sich das Problem künstlerischer Kollektivität, das darin besteht, dass die unterschiedlichen individuellen Visionen sich gegenseitig behindern oder verwässern.

Die Entwicklungsfähigkeit des Gesamtprojekts hängt einerseits von der Entwicklung, Erprobung und Ausarbeitung der Spielregelformate ab und andererseits davon, dass sich aus bestehenden Formaten andere entwickeln. Diese Entwicklungsfähigkeit hängt maßgeblich von den Regeln der Regelentwicklung für die Formate und den methodischen Strategien ab. Die Spielregelformate sollen sich in Baumform entwickeln.

Methodische Strategien der NEUEN MEHTODE
§1 [Prämisse der methodischen Zugänglichkeit] Alle Methoden sind für jeden offen zugänglich.
§2 [Prämisse der Offenheit] Jeder kann ohne Ansehen der Person, wenn er die Regeln des jeweiligen Spielregelformats erfüllt, am Projekt teilnehmen. Jeder kann Projekte vorschlagen und in das Kollektiv der NEUEN METHODIKER eintreten.
§3 [Prämisse der Ad-hoc-Hierarchie] Projekte werden von einem oder mehreren Maintainern geleitet. Jedes Kollektivmitglied kann sich selbst als Maintainer vorschlagen und sein Projekt live oder im Netz vorstellen.
§4 [Prämisse der Transparenz] Alle Regeln sind expliziert und offen einsehbar.
§5 [Baumstruktur] Spielregelformate sollen sich in einer Baumstruktur entwickeln. Die methodischen Überlegungen und operativen Regeln werden allen zugänglich gemacht und können im Hinblick auf das Ergebnis diskutiert werden.
§6 [Schritte zur Verwirklichung eines Projekts]
(6.1) Ausarbeitung einer methodischen Strategie, die die Ziele und den Rahmen des Projekts jenseits seiner Phänoästhetik beschreibt.
(6.2) Übersetzung der Strategie in konkrete methodische Metaregeln und die Benennung der verbindlichen Topoi und Themen bzw. der Geschichte.
(6.3) Übernehmen eines Spieregelformats oder Adaptieren eines Formats gemäß den Metaspielregeln.
§7 [Metaspielregel, erster Vorschlag]
7.1 Wenn Sie sich auf ein Spielregelformat beziehen, fassen Sie die Spielregeln noch einmal für sich zusammen. Wenn Sie die Spielregeln für dein Projekt verändern wollen, beschreiben Sie diese Veränderung.
7.2 Unmittelbar vor dem Drehen sollten Sie ihre
Absichten und Vorgehensweise zusammenfassen. Benutzen Sie hierfür die 1. Person Futur (Schrift, Audio oder Video).
7.3 Beschreiben Sie unmittelbar nach dem Dreh, ohne das Material gesehen zu haben, auf sehr subjektive Art Ihr Erlebnis und benutzen Sie hierfür die Tagebuch- oder Briefform.
7.4 Jedes Spieregelformat muss mit weiteren Einschränkungen und Spezifizierungen arbeiten und muss auch deutlich machen, wie weit Spielregelüberschreitungen bzw. -weiterentwicklungen möglich sind.
7.5 Oft ist es sinnvoll, How-to-Videos zu schneiden und ein Manual zu schreiben. Hierfür sind nicht abgewandelte Bilder ästhetisch vielversprechend.

Spielregelformate der NEUEN METHODE

Ansehen?

Verkleinerte Darstellung des Entwicklungsbaums der Spielregelformate der Neuen Methode

Experimentelle Formate der NEUEN METHODE
Innerhalb der NEUEN METHODE unterscheiden wir zunächst zwischen Produktions- und Distributionsformaten. Distributionsformate können narrativ und nicht-narrativ sein. Distributionsformate bestehen in einer bestimmten Zurichtung von Materialien aus dem Produktionsarchiv.

Narrative Formate strukturieren sich durch eine Erzählung, nicht-narrative werden durch ein Thema zusammengehalten oder bestehen aus einer Realkommunikation. Die Unterscheidung zwischen Narration und Nicht-Narration ersetzt die Unterscheidung Fiction/Non-Fiction, eine Grenze, die wir regelmäßig verwischen und überschreiten.

Im narrativen Bereich sind als erstes das Narrative VJ-ing und die zu ihm gehörende Produktionsweise entstanden. Ursprünglich bedeutete das Drehen nach der NEUEN METHODE, Vj-ing-fähiges Material herzustellen. Das nächste Format, das sich entwickelte, entstand aus dem Bedürfnis, die Entwicklung der theoretischen Grundlagen zu dokumentieren. Bald stellte sich heraus, dass für reine Theorie Audio das besser geeignete Medium ist und nur bei künstlerischer Projektentwicklung, bei der mehr als drei Personen miteinander sprechen und bei der auch das Visuelle eine Rolle spielt, Video sinnvoll einzusetzen ist. Diskursive Videos wurden bisher wenig erprobt, dafür aber konzeptionell gründlich ausgearbeitet. Das Arbeiten an multiauktorialen Strukturen wird zurzeit am Pilotprojekt "Sometimes I am so lonely..." erprobt. Das zurzeit aktivste Format ist der situationistische Videobriefwechsel. Er kann sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Entweder könnte daraus eine fiktive Form entstehen oder aber eine Art offenes Videoforum (Videoletters).

Erstes Manifest der NEUEN METHODE (3. Juni 2001, überarbeitet am 13. Aug. 2004)

Oft gestellte Fragen (FaQs)

Was verstehen wir unter dem Begriff (Spielregel)Format?
Wir unterscheiden Distributionsformate (Video for One, MiniRadio etc.), die in unterschiedlichen Zusammenhängen und Projekten eingesetzt werden können, von Produktionsformaten. Produktionsformate sind soziale Formate. Produktionsformate bestehen aus einem Regelkanon, der je nach der methodischen Strategie entwicklungsfähig oder statisch ist. In der Regel wird innerhalb eines Projekts immer nur ein Spielregelformat angewandt. Eine Ausnahme stellt das multiauktoriale Format transfiction dar, in dem jeder Autor eine unterschiedliche Methode wählt. Die einzelnen Beiträge werden im narrativen Bereich von einer Geschichte und im dokumentarischen Bereich von einem Thema oder Sujet zusammengehalten.

Die Arbeiten sind sowohl auf der Ebene des konkreten Materials innerhalb einer Gruppe offen und auf der Ebene der Methode allgemein zugänglich. Die methodische Offenheit entspricht der Offenheit der Source Codes.


Wozu Video?
Ein Grundsatz unserer Arbeit lautet, dass immer mitbedacht werden soll, welches Medium für ein Projekt benutzt wird. Warum und wann also soll Video überhaupt zum Einsatz kommen? Video hebt im Verhältnis zum Audio immer auf das Persönliche ab. Das kann Vor- und Nachteile haben. Die Nachteile bestehen in der Ablenkung vom Inhalt und der Banalisierung, die die Psychologisierung mit sich bringt. Der Vorteil besteht darin, dass der Ort des Sprechens deutlich wird. Nicht-narrative Videos werden im Allgemeinen dem Medium nur dann gerecht, wenn etwas anderes als sprechende Köpfe gezeigt wird und sich der Sprecher für eine bestimmte Umgebung entscheidet, mit der er interagiert und aus der heraus er spricht. Auf diese Weise öffnet sich der Diskurs für die Unplanbarkeit der Lebenswelt und wird von dieser unterstützt, überschrieben oder kontrapunktiert. Für theoretische Gespräche zu zweit oder zu dritt erscheint uns Audio geeigneter. Hier kann Video unter Umständen wirkungsvoll für die Backstage-Ebene verwendet werden. Im Situationistischen Videobrief rechtfertigt sich das Video durch die Situation.

Welche ästhetische Strategie steckt hinter der Arbeit mit Spielregelformaten?
In nicht-digitalen Kunstformen geht es immer auch darum, der Logik des Materials zu folgen und Inspiration im Zusammentreffen von Material und Talent zu ermöglichen. Diese Logik des Materials löst sich im Digitalen weitgehend auf. Die künstlerischen Phänomene hängen im Bereich der Digitalität also nicht mehr vom technischen Vorgang oder dem verwendeten Material ab, sondern von der programmierten Verarbeitungslogik, die bestimmte Arbeitsweisen erzwingt. Nur durch performatives und/oder operatives Vorgehen kann im Bereich digitaler künstlerischer Formen ein Dialog mit dem Material entstehen.

Warum Spielregeln?

Warum Formate?